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Weiterbildung vom Staat bezahlt

Wenn beide Elternteile weiterbilden wollen: Logistik

· 8 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Paar sitzt mit Wandkalender und zwei Laptops am Esstisch, plant gemeinsam Termine

Wenn beide Elternteile gleichzeitig eine Weiterbildung machen, muss die Logistik stimmen. Sonst kippt es schnell. Dieser Artikel zeigt, wie ihr Termine, Kinderbetreuung, Finanzen und Förderung so aufsetzt, dass beide Kurse tragbar sind und die Familie funktioniert. Er ist für Paare gedacht, die entweder zeitgleich oder zeitnah beide eine mehrmonatige Weiterbildung planen.

Der einfachste Fall ist, wenn einer in Vollzeit-Weiterbildung ist und der andere berufsbegleitend. Schwieriger wird es, wenn beide Vollzeit machen wollen. Und fast immer lohnt es sich, einen der Kurse zeitlich leicht zu versetzen.

Warum das komplex ist

Wenn einer weitergebildet wird, hält der andere die Familie stabil. Wenn beide gleichzeitig in Weiterbildung sind, ist keiner mehr der stabile Anker. Kinderbetreuung, Haushalt, administrative Aufgaben, Krankheitsfälle: Alles muss entweder outsourct werden oder beide müssen sich extrem koordinieren.

Hinzu kommt die finanzielle Seite. Eine Weiterbildung reduziert oft das Einkommen, auch wenn die Kurskosten gefördert sind. Zwei Weiterbildungen gleichzeitig können zu einer ernsthaften finanziellen Lücke führen, wenn man das nicht vorher durchrechnet.

Die drei realistischen Konstellationen

In der Praxis sehe ich drei Muster, die funktionieren.

Konstellation 1: Einer Vollzeit, einer berufsbegleitend. Der eine macht eine Vollzeit-Umschulung (zum Beispiel Digitalisierungsmanager, vier Monate, vormittags online), der andere eine berufsbegleitende Aufstiegsfortbildung (zwei Abende pro Woche). Die Betreuung läuft über den berufsbegleitenden Partner plus Kita oder Schule. Funktioniert, wenn die Zeitfenster sich nicht überlappen.

Konstellation 2: Beide berufsbegleitend. Beide machen eine Aufstiegsfortbildung nebenbei, zwei bis drei Abende pro Woche. Die Abende müssen unterschiedlich liegen (einer Dienstag und Donnerstag, der andere Montag und Mittwoch), damit immer einer bei den Kindern ist. Funktioniert, solange beide abends noch Energie haben.

Konstellation 3: Beide zeitlich versetzt. Der eine macht die Weiterbildung zuerst (Monat eins bis sechs), der andere danach (Monat sieben bis zwölf). Einfachste Logistik, aber langsamste Gesamtdauer. Das ist fast immer die stressfreieste Variante, wenn ihr beide eine längere Vollzeit-Weiterbildung plant.

Konstellation 4 wäre: Beide Vollzeit gleichzeitig. Das geht, aber nur mit massiver externer Betreuung und meistens mit Ersparnissen im Hintergrund. Wir raten fast immer davon ab, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Der Termine-Abgleich

Setzt euch mit einem Kalender hin, am besten einem, der die nächsten sechs bis zwölf Monate im Block zeigt, bevor ihr beide anmeldet.

Tragt ein:

  • Die Vollzeit-Kurstage und -zeiten des einen Kurses
  • Die Abendtermine und Präsenzphasen des anderen Kurses
  • Die Prüfungs- und Klausurtermine beider Kurse
  • Die Schulferien oder Kita-Schließzeiten
  • Eure eigenen Urlaube und die von nahen Familienangehörigen

Was jetzt sichtbar wird: Ob es Zeiten gibt, in denen beide Kurse gleichzeitig intensive Präsenz fordern. Wenn ja, müsst ihr für diese Phasen konkrete Lösungen planen (Großeltern, Tagesmutter, Ferienbetreuung).

Was ich in Beratungsgesprächen oft sehe: Paare tragen die eigenen Termine nicht fix ein, sondern flexibel. Das führt dazu, dass sie erst später merken, wenn beide Prüfungen in derselben Woche liegen. Kurse haben oft fixe Prüfungstermine, die man nicht mehr verschieben kann.

Die Kinderbetreuung aufbauen

Für beide Weiterbildungen parallel reicht selten eine einzige Betreuungsschiene. Typischerweise braucht es eine Kombination:

Kita oder Schule als Grundgerüst. Erweiterte Betreuung (Hort, Ganztagsschule, Nachmittagsbetreuung). Ein regelmäßiger Babysitter oder Tagesmutter für Sondertermine. Großeltern oder Nachbarschaftshilfe für Krankheitsfälle.

Wenn ihr während geförderter Weiterbildung Kinderbetreuungskosten habt, übernimmt die Arbeitsagentur nach § 87 SGB III bis zu 160 Euro pro Kind und Monat. Das deckt einen Teil, aber selten alles. Plant mit realistischer Eigenbeteiligung.

Wichtig: Kita-Plätze, die ihr erst drei Wochen vor Kursbeginn sucht, gibt es meistens nicht. Kümmert euch mindestens sechs Monate vorher.

Die finanzielle Seite durchrechnen

Zwei Weiterbildungen bedeuten nicht nur doppelte Kursgebühr (die bei Förderung ohnehin wegfällt), sondern auch mögliche Einkommensverluste. Typische Szenarien:

SituationEinkommen während Kurs
Arbeitslos mit ALG I60-67 % des vorherigen Nettos
Arbeitslos mit Weiterbildungsgeld (§ 87a SGB III)ALG I plus 150 Euro pro Monat, plus 1.000 Euro bei Zwischenprüfung, 1.500 Euro bei Abschluss
Elternzeit mit Elterngeld65 % des vorherigen Nettos, max. 1.800 Euro
Beschäftigt in Teilzeit während Kursanteilig
QCG mit Lohnzuschussteilweise Zuschuss zum Lohn, je nach Firmengröße

Wenn beide gleichzeitig im Einkommensverlust sind, kann die Familienlücke deutlich werden. Der Artikel zur finanziellen Lücke schließen zeigt, welche ergänzenden Leistungen greifen können (Wohngeld, Kinderzuschlag, Unterhaltsvorschuss je nach Situation).

Tipp aus der Praxis: Rechnet ein Szenario mit ungeplanten Kosten durch. Eine Reparatur, ein kaputtes Auto, ein Krankenhausaufenthalt. Wenn ihr ohne Puffer plant und dann einer von euch drei Wochen ausfällt, wird es schnell ernst.

Die Rollen klären

Solange beide Weiterbildung machen, braucht es klare Rollen im Haushalt. Wer übernimmt was, ohne dass es jeden Tag neu verhandelt wird. Vorschlag für eine Struktur:

Eine Person ist montags, mittwochs, freitags für Abendroutine zuständig. Die andere dienstags, donnerstags, samstags. Sonntag gemeinsam. Das ist ein Raster, kein Dogma, aber ohne Raster verschiebt sich schnell alles auf einen.

Einkauf, Haushalt, Termine mit Kinderarzt, Kita-Elternabende: Teilt das vorher auf und schreibt es auf. Wer alles im Kopf haben muss, brennt aus.

Was meistens nicht funktioniert: Beide versuchen gleichzeitig, alles weiter zu machen wie vorher. Das geht zwei Wochen gut, dann kippt etwas.

Wenn einer abbricht

Nicht jede Weiterbildung funktioniert bis zum Ende. Wenn einer von euch nach zwei oder drei Monaten abbrechen will, sprecht das an. Abbruch ist keine Niederlage, manchmal ist es die vernünftige Entscheidung. Was ihr klären müsst:

Warum brechen wir ab (zu viel, falscher Kurs, Krankheit, andere Prioritäten). Hilft ein Unterbrechen statt Abbrechen. Was kostet der Abbruch (Förderanspruch, Rückzahlungsklausel beim Arbeitgeber). Was macht der andere, der weitermacht, jetzt anders.

In meiner Beratungspraxis sehe ich: Paare, die einen Abbruch offen besprechen, gehen gestärkt raus. Paare, die zu lange durchziehen obwohl einer nicht mehr kann, haben oft beide danach weniger Energie für den nächsten Schritt.

Ein Beispielplan für 12 Monate

Ein Paar, zwei Kinder (drei und sieben), beide wollen weitermachen. Konstellation: Zeitlich versetzt.

Monat eins bis sechs: Sie macht Vollzeit-Umschulung zur Digitalisierungsmanagerin, vormittags online. Er arbeitet in Vollzeit weiter, übernimmt Nachmittag und Betreuung. Kinder in Kita und Hort.

Monat sieben bis achtzehn: Er macht berufsbegleitend Wirtschaftsfachwirt, zwei Abende plus Samstagvormittag. Sie hat jetzt einen neuen Job, arbeitet Teilzeit, Mo bis Do. Abende und Samstag übernimmt sie die Kinder, er lernt.

Das geht, weil die Intensivphasen nicht überlappen. Wenn beide ab Monat eins versucht hätten, wäre es eng geworden.

Was wir als Tipp mitgeben

Redet früh. Nicht erst, wenn ein Kurs anfängt, sondern wenn die Idee entsteht. Schreibt beide Kursvorhaben auf ein Blatt, mit allen Details. Schaut, wo sich Zeitfenster überlappen und wo nicht. Wenn ihr am Anfang zu dem Ergebnis kommt, dass beide gleichzeitig nicht geht, überlegt ob ihr einen zeitlich verschiebt. Das ist fast immer besser als beide gleichzeitig mit halber Kraft.

FAQ

Können wir beide Bildungsgutschein bekommen?

Ja, wenn ihr beide die Voraussetzungen erfüllt (arbeitssuchend gemeldet, Weiterbildung verbessert Vermittlungschancen). Jeder Antrag läuft einzeln bei der Arbeitsagentur. Die Sachbearbeiter entscheiden unabhängig voneinander.

Werden Kinderbetreuungskosten doppelt übernommen?

Der Zuschuss von 160 Euro pro Kind und Monat (§ 87 SGB III) greift einmal pro Kind und Monat, nicht pro Elternteil. Wer den Antrag stellt, hängt davon ab, wessen Weiterbildung die Betreuung primär erforderlich macht. Wenn beide gleichzeitig fördern, meistens der mit der längeren Maßnahme.

Was passiert mit dem Elterngeld, wenn einer in Elternzeit ist und weiterbildet?

Elterngeld läuft normal, solange die Weiterbildung nicht als Arbeit gilt. Geförderte Maßnahmen (Bildungsgutschein, Aufstiegs-BAföG) gelten nicht als Arbeit. Wenn der Partner parallel Teilzeit arbeitet, greifen die 32-Stunden-Regel und die Anrechnungslogik des BEEG.

Wie lange sollten wir den Zeitpuffer zwischen zwei Weiterbildungen einplanen?

Mindestens drei Monate, besser sechs. Der erste braucht Zeit, um im neuen Job anzukommen, bevor der zweite startet. Wenn der Abstand zu knapp ist, übernimmt oft der neue Job-Einstieg die Belastung, die vorher der Kurs war. Dann ist gar keine Pause mehr da.

Was wenn wir uns während der Doppel-Weiterbildung streiten?

Setzt euch hin und sprecht. Der Streit kommt oft nicht von der Weiterbildung, sondern von Schlafmangel, Geldsorgen und fehlender Zweisamkeit. Ein Wochenende ohne Kurs, ohne Kinder, nur zu zweit, hilft oft mehr als eine weitere Umverteilungsdebatte. Der Artikel zur Familie einbeziehen hat Gesprächsvorlagen.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger nach AZAV. Promovierter Naturwissenschaftler, über zehn Jahre Erfahrung in Bildung und Digitalisierung. Er berät Paare und Familien zu Weiterbildungs- und Förderwegen. Mehr unter Über den Autor.

Zuletzt geprüft am 22. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.

Weitere Quellen: § 87 SGB III Kinderbetreuungskosten target=“_blank” rel=“noopener”, Arbeitsagentur Weiterbildung und Karriere target=“_blank” rel=“noopener”.


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