Weiterbildung ohne eigene Kosten: KOMPASS durchgerechnet
KOMPASS ist das Förderprogramm für Solo-Selbstständige mit 90 Prozent Zuschuss bis zu einer Maximalförderung von 4.500 Euro. Der Eigenanteil liegt damit bei 10 Prozent, typisch 450 bis 500 Euro bei einem Kurs am Fördermaximum. Zusammen mit der steuerlichen Absetzung als Betriebsausgabe landest du effektiv zwischen 300 und 400 Euro Nettokosten für einen Kurs, der regulär 5.000 Euro kostet. Das ist die einzige Förderung, die für Solo-Selbstständige annähernd an “kostenlos” herankommt, ohne dass du arbeitssuchend sein müsstest.
Dieser Artikel rechnet den KOMPASS-Fall für typische Konstellationen durch: Kurspreise, Steuerwirkung, Wechselwirkung mit anderen Förderungen. Er richtet sich an Solo-Selbstständige, die die echten Nettokosten einer Weiterbildung kennen wollen, bevor sie sich bewerben.
Die KOMPASS-Eckdaten im Überblick
| Punkt | Wert |
|---|---|
| Förderquote | 90 Prozent der Kurskosten |
| Maximalförderung | 4.500 Euro |
| Eigenanteil | 10 Prozent |
| Zielgruppe | Solo-Selbstständige ohne sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter |
| Laufzeit Programm | Bis Ende 2027 |
| Status April 2026 | Aufnahmestopp März bis Mai 2026 |
| Wiederöffnung geplant | Juni 2026 |
Das Förderziel: Solo-Selbstständige sollen sich berufliche Weiterbildung leisten können, ohne dass die Kursgebühren zur Liquiditätsfalle werden. Die 10-Prozent-Eigenbeteiligung ist bewusst niedrig angesetzt, damit der Anreiz zur Weiterbildung nicht an Finanzierungshürden scheitert.
In meiner Beratungspraxis sehe ich, dass Selbstständige KOMPASS oft unterschätzen. Die 4.500-Euro-Grenze klingt nach wenig, ermöglicht aber mit dem 10-Prozent-Eigenanteil einen echten 5.000-Euro-Kurs für 500 Euro Eigenbeteiligung. Das ist für viele Selbstständige die entscheidende Schwelle.
Der Durchrechnungsfall: 5.000-Euro-Kurs
Nehmen wir einen typischen Beispielkurs mit 5.000 Euro Bruttogebühr (der Träger ist nach §4 Nr. 21 UStG umsatzsteuerbefreit, also brutto gleich netto). Die Rechnung Schritt für Schritt:
Schritt 1: KOMPASS-Zuschuss. 90 Prozent von 5.000 Euro sind 4.500 Euro. Das ist zufällig auch die Förderobergrenze. Der Zuschuss deckt also den kompletten geförderten Betrag.
Schritt 2: Eigenanteil in der Kasse. 500 Euro zahlst du selbst.
Schritt 3: Steuerliche Wirkung. Die 500 Euro Eigenanteil sind als Betriebsausgabe absetzbar. Der KOMPASS-Zuschuss von 4.500 Euro ist als Betriebseinnahme zu versteuern, aber die gesamten 5.000 Euro Kursgebühr dürfen gleichzeitig als Ausgabe angesetzt werden. Netto landet der Zuschuss also als normale Betriebseinnahme mit gleicher Höhe an Betriebsausgabe, das gleicht sich aus. Der reine Steuereffekt kommt aus den 500 Euro Eigenanteil.
Bei einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent: Die 500 Euro senken die Steuerlast um 150 Euro. Nettokosten: 350 Euro.
Bei einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent (hohes Einkommen): 210 Euro Steuerersparnis. Nettokosten: 290 Euro.
Bei Kleinunternehmer-Status ohne Einkommensteuerpflicht (Gewinn unter Grundfreibetrag): Keine Steuerwirkung. Nettokosten: 500 Euro.
Für eine fünfmonatige Weiterbildung mit 720 Unterrichtseinheiten ist das rechnerisch günstiger als jede Selbstzahlung ohne Förderung.
Was bei kleineren Kursen passiert
Nicht jeder Kurs ist 5.000 Euro. Hier die Rechnung für kleinere Formate:
Kurs 1.500 Euro. Zuschuss 90 Prozent = 1.350 Euro. Eigenanteil 150 Euro. Bei 30 Prozent Grenzsteuersatz: 105 Euro netto.
Kurs 3.000 Euro. Zuschuss 90 Prozent = 2.700 Euro. Eigenanteil 300 Euro. Netto 210 Euro bei 30 Prozent Steuersatz.
Kurs 6.000 Euro. Hier greift die Förderobergrenze. Maximalförderung 4.500 Euro, Eigenanteil 1.500 Euro (300 Euro 10-Prozent plus 1.200 Euro über der Fördergrenze). Netto bei 30 Prozent Steuereffekt: 1.050 Euro.
Kurs 10.000 Euro. Maximalförderung 4.500 Euro, Eigenanteil 5.500 Euro. Netto bei 30 Prozent: 3.850 Euro.
Die Förderung wirkt am effizientesten bei Kursen zwischen 2.000 und 5.000 Euro. Darüber sinkt die relative Förderquote schnell.
Die Kombination mit weiteren Hebeln
KOMPASS allein ist gut. Kombiniert mit anderen Instrumenten wird es besser:
Landesprämie nach bestandener Aufstiegsfortbildung. In Bayern 3.000 Euro, Hessen 3.500 Euro, Thüringen 2.000 Euro, Sachsen-Anhalt 1.000 Euro. Bei einem 4.500-Euro-Kurs, der als Aufstiegsfortbildung gilt, plus Landesprämie in Bayern kommt die Gesamtrechnung auf: 500 Euro Eigenanteil minus 150 Euro Steuerersparnis plus 3.000 Euro Landesprämie (steuerpflichtig). Nach Steuer auf die Landesprämie (angenommen 30 Prozent) bleiben 2.100 Euro Netto-Zufluss. Rechnerischer Nettogewinn: 1.750 Euro.
KOMPASS plus Aufstiegs-BAföG. Schließt sich meist aus, wenn derselbe Kurs gefördert werden soll. KOMPASS ist für freie Weiterbildung, AFBG für Aufstiegsfortbildungen nach Berufsbildungsgesetz. Kurse können in der Regel nur eine der beiden Förderungen in Anspruch nehmen, nicht beide gleichzeitig. Details im Artikel zu den Fördertöpfen für Selbstständige.
Berufsverband-Rabatte. Manche Bildungsträger geben Verbandsmitgliedern 10 bis 20 Prozent Rabatt auf die Kursgebühr. Der Rabatt reduziert die Basis, auf die KOMPASS zugreift, aber auch deinen Eigenanteil. Effekt: Die Gesamtförderung liegt niedriger, dein Netto-Eigenanteil auch.
Was KOMPASS nicht deckt
Ein häufiger Denkfehler: KOMPASS bezahlt “den Kurs komplett”. Das stimmt nur bis 4.500 Euro Kurskosten und nur für bestimmte Positionen. Nicht gedeckt werden:
Eigener Arbeitsausfall. Wenn du während des Kurses nicht bei deinen Kunden arbeiten kannst, sind die entgangenen Einnahmen dein Problem. Bei Vollzeitkursen (zum Beispiel viermonatige Weiterbildungen) kann das die größere Belastung sein als die Kursgebühren.
Begleitkosten. Fahrten zu Präsenzphasen, Übernachtung, Verpflegung, spezielle Arbeitsmittel. KOMPASS fördert nur die reine Kursgebühr, nicht die Nebenkosten. Diese sind aber als Betriebsausgaben absetzbar.
Fachliteratur und Software. Meist separat zu kalkulieren, je nach Kurs 200 bis 800 Euro. Absetzbar, aber nicht KOMPASS-förderfähig.
Zertifizierungskosten externer Prüfer. Wenn der Kurs mit einer externen Prüfung abschließt (Microsoft, Google, Anbieter-Zertifikate), sind die Prüfungsgebühren oft außerhalb der KOMPASS-Förderung. Frage das beim Bildungsträger konkret an.
Der reale Nutzwert für drei Persona
Solo-Berater, 55.000 Euro Gewinn. Macht einen 4.500-Euro-Kurs. Eigenanteil 450 Euro, Steuerersparnis 140 Euro (31 Prozent Grenzsteuersatz). Nettokosten 310 Euro. ROI: neue Qualifikation, erweitertes Portfolio, Stundensatz-Erhöhung um 10 bis 20 Euro. Amortisiert sich nach 15 bis 30 Beratungsstunden.
Designer im Nebenerwerb, 18.000 Euro Gewinn. Macht einen 3.000-Euro-Kurs. Eigenanteil 300 Euro, Steuerersparnis 60 Euro (niedriger Grenzsteuersatz). Nettokosten 240 Euro. ROI: professionelle Arbeitsproben, höheres Auftragsvolumen möglich. Amortisiert sich nach wenigen Aufträgen.
Handwerker mit Meisterplänen, 42.000 Euro Gewinn. Kurs 8.000 Euro (Meistervorbereitung). Hier ist AFBG meist besser als KOMPASS, weil AFBG auch Aufstiegsfortbildungen mit 50 Prozent Zuschuss und 50 Prozent Darlehen deckt und das Darlehen nach Prüfung zu 50 Prozent erlassen wird. KOMPASS wäre mit 4.500 Euro Maximum nicht die richtige Wahl.
Aus meiner Beratungspraxis: Für Kurse bis 5.000 Euro ist KOMPASS für Solo-Selbstständige fast immer die erste Wahl. Darüber lohnt sich der Vergleich mit AFBG.
Der Antragsweg in fünf Schritten
-
Erstgespräch bei der KOMPASS-Anlaufstelle. Kostenlos, unverbindlich. Die Anlaufstelle prüft, ob dein Vorhaben förderfähig ist und welche Kurse passen.
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Kurswahl bei einem AZAV-zertifizierten Träger. Der Träger muss nach Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV) zertifiziert sein. Die meisten seriösen Anbieter sind das.
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Antragstellung. Formular bei der Anlaufstelle einreichen, Kursbeschreibung, Kostenaufstellung und Begründung warum die Weiterbildung sinnvoll ist.
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Bewilligungsbescheid. Bearbeitungszeit typisch vier bis acht Wochen.
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Kurs absolvieren und abrechnen. Der Träger stellt nach Kursende eine Rechnung, die Bundesagentur überweist den Zuschuss (direkt an dich oder den Träger, je nach Vereinbarung). Du zahlst den Eigenanteil.
Mehr zum Ablauf im Artikel zu den Fördertöpfen für Selbstständige.
Was Selbstständige nach KOMPASS berichten
Wer KOMPASS erfolgreich genutzt hat, berichtet oft das Gleiche: Die Rechnung ist am Ende besser als erwartet, weil der Steuereffekt und die beruflichen Folgewirkungen (höherer Stundensatz, neue Kundensegmente) den Eigenanteil schnell relativieren. Die Skepsis vor Antragstellung (“Lohnt sich der Aufwand für 450 Euro?”) weicht meist der Erkenntnis, dass der Aufwand (Antragsstunden, Dokumentation) im Verhältnis zum Ertrag (4.500 Euro Zuschuss plus berufliche Weiterentwicklung) klein ist.
Entscheidungshilfe vor der Bewerbung
- Ist mein Kurs AZAV-förderfähig? (Fast alle seriösen Anbieter sind es.)
- Liege ich unter 4.500 Euro Kurskosten, um die Maximalförderung auszuschöpfen?
- Bin ich zum Antragszeitpunkt Solo-Selbstständiger ohne Mitarbeiter?
- Ist KOMPASS gerade geöffnet (nach dem Aufnahmestopp März-Mai 2026)?
- Habe ich die Bearbeitungszeit (vier bis acht Wochen) in meinem Zeitplan?
- Kalkuliere ich den Steuereffekt realistisch (Grenzsteuersatz)?
Wenn fünf von sechs Antworten Ja sind, lohnt sich der Antrag.
FAQ
Was passiert, wenn mein Kurs teurer ist als 4.500 Euro?
KOMPASS fördert maximal 4.500 Euro der Kurskosten. Darüber zahlst du den vollen Restbetrag selbst. Die Förderquote 90 Prozent bezieht sich auf die Kurskosten bis zur Obergrenze, der Eigenanteil ist 10 Prozent plus der Betrag über 5.000 Euro.
Kann ich KOMPASS mehrmals beantragen?
Aktuell ist KOMPASS als einmalige Förderung konzipiert. Eine erneute Antragstellung für einen weiteren Kurs ist in der aktuellen Förderperiode nicht vorgesehen. Das kann sich in zukünftigen Förderperioden ändern.
Muss ich den Zuschuss versteuern?
Ja, der KOMPASS-Zuschuss ist als Betriebseinnahme zu versteuern. Parallel sind aber die gesamten Kurskosten als Betriebsausgabe absetzbar. Der Netto-Steuereffekt kommt aus dem Eigenanteil, nicht aus dem Zuschuss.
Was zählt als Solo-Selbstständig?
Keine sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Freie Mitarbeiter auf Rechnung sind erlaubt. 450-Euro-Jobs sind ein Grenzfall, meist aber noch als Solo anerkannt. GmbH-Gesellschafter-Geschäftsführer fallen meist raus, Einzelkaufleute und Freiberufler sind typische Zielgruppe.
Ab wann ist KOMPASS nach dem Aufnahmestopp wieder offen?
Die aktuelle Planung: Juni 2026. Die Anlaufstellen bestätigen das im März oder April 2026, wenn die Mittelplanung für die nächste Welle steht. Wer ab Mai 2026 plant, sollte Anfang Mai bei der Anlaufstelle anfragen.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger (AZAV). Promovierter Naturwissenschaftler, über zehn Jahre Erfahrung in Bildung und Digitalisierung. Er berät Solo-Selbstständige zu KOMPASS und verwandten Förderwegen. Mehr unter Über den Autor.
Zuletzt geprüft am 22. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.
Weitere Quellen: KOMPASS bei der Bundesagentur für Arbeit target=“_blank” rel=“noopener”, Förderdatenbank des Bundes target=“_blank” rel=“noopener”.
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